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Autor Thema: Kommissar Jules Maigret  (Gelesen 734 mal)
Dan Tanna Spenser
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« am: 29. April 2020, 22:47:03 »

Die Romane um Maigret, Kommissar der Kriminalpolizei am Pariser Quai des Orfèvres, folgen in ihrem Aufbau überwiegend einem festen Schema: Der Beginn zeigt Maigret in der Routine seines Alltags, eines Lebens ohne größere Ereignisse. Mit dem Verbrechen beginnen die Ermittlungen. Dabei liegt der Fokus weniger auf äußerer Handlung – die Routinearbeit wird zumeist Maigrets Gehilfen übertragen – als auf dem inneren Prozess Maigrets, der das Geschehen zu verstehen versucht. Den Schluss bildet ein abschließendes Verhör des Kommissars, das eher einem Monolog Maigrets gleicht. Hier wird nicht nur die eigentliche Tat aufgeklärt, sondern ein Teil des Vorlebens des Täters aufgerollt. Nicht immer steht am Ende eine Verhaftung, manchmal überlässt Maigret den Täter auch seinem Schicksal.[96] Typisch für die Maigret-Romane ist der Umschlag des anfänglich kriminalistischen Rätsels auf die psychologische Ebene der Erforschung des Motivs. Dies bricht laut Stanley G. Eskin mit den Spielregeln des klassischen Kriminalromans und enttäusche manche Leser.

Gegenüber dem klassischen Kriminalroman, der nach Ulrich Schulz-Buschhaus aus einer Mischung der Bestandteile mystery, action und analysis besteht, hat Simenon in seinen Maigret-Romanen die ersten beiden Elemente zugunsten der psychologischen Analyse fast völlig eliminiert. Das Verbrechen umgibt nicht länger ein Mysterium, es entsteht aus dem Alltag und ist selbst zur Alltäglichkeit geworden. Nicht die Suche nach dem Täter steht im Mittelpunkt, sondern das Verstehen der Tat. So wie Maigret kein exzentrischer Detektiv ist, sondern ein in den Polizeiapparat integrierter Kleinbürger, sind auch die Täter keine dämonischen Verbrecher, sondern Normalbürger, deren Tat aus einer Krisensituation entsteht. Kommissar und Täter werden in ihrer Gewöhnlichkeit gleichermaßen zu Identifikationsfiguren für den Leser.

Simenon bezeichnete Maigret als einen „raccomodeur des destins“, einen „Ausbesserer von Schicksalen“. Seine Methode ist geprägt von Menschlichkeit und Mitgefühl. Insbesondere die „kleinen Leute“ betrachtet er als „seine Leute“, deren Umgang ihm vertrauter ist als das Großbürgertum oder die Aristokratie. Maigrets Ethik gehorcht der Maxime „Richte nicht“, so versagt er sich jedwede moralische Wertung und misstraut den Institutionen der Rechtsprechung. Im Gegensatz zu diesen geht es ihm nicht in erster Linie um Fakten, sondern um das Verstehen einer tieferen menschlichen Wahrheit. Viele Untersuchungen betonen die Ähnlichkeit der Untersuchungsmethode Maigrets mit der eines Schriftstellers, speziell mit der seines Schöpfers Simenon: Wie dieser lebt Maigret von der Fähigkeit, sich in eine Situation hineinzuversetzen. Wie dieser ist er abhängig davon, durch Schlüsselreize inspiriert zu werden, um Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen. Maigrets stärker intuitives als rationales Vorgehen kritisierte Bertolt Brecht: „der Kausalnexus ist verdeckt, lauter Schicksal rollt ab, der Detektiv ahnt statt zu denken“. Der Abschluss eines Falles wird für Maigret selten zu einem Triumph. Vielmehr reagiert er mit Niedergeschlagenheit auf den abermaligen Beweis der Fehlbarkeit des Menschen.Zum ruhenden Pol für den Kommissar wird Madame Maigret, der Prototyp einer altmodischen und unemanzipierten Hausfrau, deren Rolle sich zumeist darauf beschränkt, für ihren Gatten das Essen warm zu halten. Simenon bezeichnete sie als sein Idealkonzept einer Ehefrau.
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Dan Tanna Spenser
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« Antworten #1 am: 30. April 2020, 23:15:15 »

Kriminalkommissar Jules Maigrets Stärke besteht darin, dass er sich auf das jeweilige Ambiente, in dem der zu lösende Fall situiert ist, einlässt. Er sammelt nicht einfach Indizien, sondern es kommt ihm immer auf die psychologischen Zusammenhänge an. Er enthält sich jeglichen Urteils - er betrachtet, versucht zu begreifen und verhaftet dann, wenn die Zeit dafür da ist...
Die BBC produzierte zwischen 1960 und 1963 zweiundfünfzig Kommissar-Maigret-Folgen, die allesamt auf den Originalromanen (bzw. -erzählungen) des belgischen Schriftstellers Georges Simenon basierten. Der britische TV-Sender konnte weltweit als erster die Rechte an den so begehrten Romanen erkaufen und verfilmte mit Rupert Davies die literarischen Vorlagen. Später wurden nicht nur in Frankreich unterschiedliche TV-Krimiserien mit unterschiedlichen Darstellern gedreht, auch die Italiener drehten die 18teilige Serie "Le inchieste del commissario Maigret" (Regie: Mario Landi), in der "Peppone"-Darsteller Gino Cervi aus den Don-Camillo-Filmen die Rolle des Kommissars übernahm. Georges Simenon soll über diesen Maigret gesagt haben, er ähnle dem Maigret seiner Vorstellung am Meisten. Das sagte er, wie unten zu lesen, aber auch über Rupert Davies.
Seltsamerweise fiel bei der deutschen Synchronisation nicht nur durch Umkopierung das typische Studioflair der Originale weg, sondern auch die Originaltitelmusik von Ron Grainer (von dem auch das Paul-Temple-Thema stammte). Für die deutsche Version komponierte Ernst-August Quelle (Titelmusik zur Aktenzeichen-XY-s/w-Sendung) die Musik. Die deutsche Ausstrahlungsreihenfolge der Serie stimmt nicht mit der Originalreihenfolge überein. Im Übrigen kaufte das ZDF Folgen nach, nachdem die Serie hohe Einschaltquoten brachte.


Der folgende Text (leicht gekürzt) entstammt dem Booklet des 2. DVD-Volumes, das bei Pidax erschienen ist. Text: © Dr. Georg Piaigiiitiz

„Das ist Maigret“ – Ein kurzer Blick hinter die Kulissen vom Anfang bis zum Ende der Serie
In seiner 1981 erschienenen Autobiographie Mémoires intimes erinnert sich der 1903 geborene Georges Simenon, der den ersten Maigret-Roman mit 26 Jahren schrieb und nach dem 24. die Reihe einstellen wollte, wie es zu der BBC-Serie kam: Ein BBC-Verhandler erschien in Echandes, um bei ihm die Rechte für 52 Maigret-Romane für das Fernsehen zu erwerben. Die Bitte wurde abgelehnt. Einige Monate später erschien ein anderer nicht genannter BBC-Mann. Die Verhandlungen verliefen diesmal gut und der britische Sender erhielt den Zuschlag, allerdings nur mit einigen unabdingbaren Klauseln im Vertrag.
Das Wichtigste war die Besetzung. Als Produzent Andrew Osborn Georges Simenon den Schauspieler Rupert Davies vorstellte, soll dieser gesagt haben: „Das i s t Maigret!“. Mit dem Autor verband den Darsteller später große Freundschaft, die sich schon bei diesem ersten Treffen abzeichnete. In Hörzu (17/ 1965) meinte Rupert Davies, es sei dabei wie bei „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen.
Im Londoner BBC-Studio TC 4 begannen Anfang 1960 in Zusammenarbeit mit Winwell Productions die Dreharbeiten für die vier Staffeln der Reihe, die zwischen dem 31.10.1960 und dem 24.12.1963 ausgestrahlt wurden. Giles Cooper war Dramaturg aller Folgen und auch Autor vieler Drehbücher. Gedreht wurde im Ampex-Verfahren, das heißt chronologisch im Studio, wobei Außendrehs auf Film gedreht und ins Studio eingespielt wurden. Man probte einige Tage die gesamte Folge, ehe sie dann in einem Stück aufgezeichnet wurde. Rund 20% der Handlung füllten Außenaufnahmen, für die das Team um Produzent Andrew Osborn und Hauptdarsteller Rupert Davies extra nach Frankreich flogen und dafür überwiegend in Paris drehten.
Rupert Davies, der sich Kriminalstücke nach eigenen Angaben nie ansah und Kriminalromane nur ganz selten las, war gar nicht überzeugt von sich, als er die Rolle übernahm. Er war doch Engländer und hatte so gar nichts Französisches an sich, so seine Meinung. Georges Simenon hingegen sah das – wie oben bereits erwähnt – anders: in Davies' Darstellung sah er seine Figur leben: die Art, wie er die Pfeife stopfte, wie er sich in verzwickten Situationen am Kopf kratzte, für Simeon war Davies genau so, wie er ihn immer wieder beschrieben hatte. Und nicht nur Simenon, vor allem auch das Publikum war davon überzeugt, dass Davies der Richtige war. Waschkörbe an Fanpost erreichten ihn und auf der Straße verwechselten viele Realität mit Fiktion. So mancher bat ihn um Mithilfe in einem Kriminalfall, den er à la Maigret ganz unbürokratisch lösen sollte. (Hörzu 23/1965)
Nachdem der beliebte britische Schauspieler die Rolle vier Jahre lang gespielt hatte, war Schluss. Davies kümmerte sich wieder mehr um seine Familie, seine damals 11- und 16-jährigen Söhne und um Ehefrau Jessica. 1965 berichtete die Hörzu (17/ 1965), dass der mittlerweile mit dem Titel "Pfeifenraucher des Jahres" ausgezeichnete Darsteller alles versuchte, um seinen "Doppelgänger" Maigret wieder loszuwerden. Das war auch der Grund, warum er nach dem Ende der Serie Rollen übernahm, die gänzlich anders waren, als jene des Pariser Kommissars. Aber Maigret war stärker und im gleichen Artikel wird berichtet, dass Davies davon träumte, die Figur einmal auf der großen Leinwand darzustellen. Auch ein Maigret-Musical hätte er sich vorstellen können. Über diese Idee sprach er sogar mit Georges Simenon, der von der Idee begeistert war. Eine Kinofortsetzung in österreichisch-italienisch-französischer Koproduktion platzte 1966, als Regisseur Alfred Weidenmann statt Jürgen Roland am Regiesessel Platz nahm. Davies wurde dann durch Heinz Rühmann ersetzt.
Immerhin schlüpfte Rupert Davies doch noch einmal an der Seite von Helen Shingler in seine Paraderolle und zwar für den Langfilm Maigret at Bay, der von der BBC am 09.02.1969 ausgestrahlt und bisher nicht auf Deutsch synchronisiert wurde.
In Großbritannien war Maigret ein phänomenaler Erfolg. Zwar kam man an die Einschaltquote von rund 90%, die Francis Durbridge mit seiner 18teiligen Tim Frazer-Serie 1960 (bis dato die längste BBC-Reihe überhaupt) nicht heran, aber man war mehr als zufrieden. Immerhin hatte man noch nie so viele Episoden mit solchem positiven Publikumsecho produziert. Rupert Davies avancierte zum Star und sein Ebenbild aus Wachs wurde sogar im berühmten Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud in London ausgestellt.
In der BRD war die Sache etwas anders. Zwar war die Vorfreude auf Maigret groß und die Zuseherkritiken mitunter auch positiv, aber die ersten paar Episoden wurden doch eher verhalten aufgenommen. So standen in der Hörzu (17/ 1965) neben Zuseherkritiken à la „Die ganze Woche freuen wir uns auf diese Sendung“, „...könnte von mir aus nie aufhören“ und „Mir gefällt die natürliche Art von Rupert Davies“ solche wie  „Allmählich zum Einschlafen“ und „Der irrt wohl nie. Allmählich wird die Sendung langweilig“ gegenüber.
In derselben Hörzu-Ausgabe erschien ein wenig freundlicher Artikel mit der Überschrift Nach 16 Folgen: Migräne bei Maigret – So geht’s also nicht! und eine Zeile darunter schlug man vor: „Das Rezept: Erst die Spreu vom Weizen trennen.“ Man mokierte sich weiters darüber, dass nicht alles, was den Engländern gefalle, unbedingt den deutschen Geschmack träfe. Zwar hatte Maigret einmal 50% Einschaltquote gehabt, dies sei jedoch auf das miese ARD-Programm am entsprechenden Abend zurückzuführen gewesen. Manche Episoden fuhren jedoch lediglich die damals als verheerend zu bezeichnenden Einschaltquoten von 23, 18 oder gar nur 12% ein. Obwohl das ZDF 3,9 Millionen Mark exklusive der teuren Synchronisation in die 52teilige Serie investiert hatte, forderte man, nur mehr die besten Folgen zu senden und jene, die qualitativ als mittelmäßig zu bezeichnen waren, gänzlich auszulassen. Weiter hieß es, dass Jean Gabin der ideale Maigret sei und wörtlich: „Jeden Samstag Maigret, Maigret und nochmals Maigret - nein, so geht es nicht!“.
Jahre später erinnerte sich der für Paul Temple zuständige ZDF-Redakteur Dr. Joachim Tettenborn - auf die ähnlich gelagerten Einschaltquotenprobleme der 52teiligen Produktion mit Francis Durbridges Detektiv angesprochen - im Gong (Mai 1972) dazu wie folgt: „Die ersten acht Folgen von Maigret kamen auch nicht an. Als die Zuseher sich aber an das ganz neue Krimi-Gefühl gewöhnt hatten, wurden sie zu enthusiastischen Fans“.
Es stimmt, denn bald waren ausschließlich positive Kritiken wie die folgenden zu lesen: „Seit einem Jahr sind Georges Simenons spannende Psychokrimis kontinuierliche Lichtblicke des Wochenendeprogramms, die Hauptfiguren Maigret und Lucas gute, verlässliche Bekannte geworden. [...] Es dürfte schwerfallen, etwas annähernd Gleichwertiges für die beliebte Serie zu finden. Buch, Regie und Darstellung verdienen Lob und Preis“. (Hörzu 2/ 1966, S. 44) oder „Ich arbeite als Landarzt nicht 40, sondern mehr als 80 Stunden in der Woche, aber wenn ich am Samstag einen Maigret versäume, weil ich unterwegs bin, tut es mir doch leid, denn ich habe mich die ganze Woche darauf gefreut.“ (Hörzu 52/ 1965, S. 47)
Schließlich bleibt zu  erwähnen, dass ein Mann – oder besser gesagt seine Stimme – ganz wesentlich zum Erfolg der Reihe auf Deutsch beigetragen hat: der Schauspieler Hans Wilhelm Hamacher (1920-2000), der – damals 45 Jahre alt – die Synchronstimme Rupert Davies' war, den er auch persönlich kennen lernte. Der Autonarr, der für ein besonderes Gefährt laut Hörzu (34/ 1965) den letzten Pfennig ausgab, wurde für die Synchronrolle von Kollegen veralbert, weil er seine größte und längste Rolle im Dunkeln spielte und zwar im Synchronstudio. Von einem Freund, seines Zeichens Regisseur, wurde er deshalb gar als „Dunkelkammerschauspieler“ bezeichnet, aber der schlagfertige Schauspieler konterte: „Die Gage gibt's im Hellen!“

Text: © Dr. Georg Piaigiiitiz
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