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Autor Thema: Zeugin aus der Hölle (D, 1966)  (Gelesen 199 mal) Durchschnittliche Bewertung: 5
filmfan
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« am: 28. August 2017, 14:52:30 »

Kurz nach Kriegsende veröffentlicht der Schriftsteller Bora Petrovic mit Informationen der KZ-Überlebenden Lea Weiss ein Buch über die Verbrechen in deutschen Vernichtungslagern. Als Jüdin wurde Lea im KZ sterilisiert, sie musste im Lagerbordell arbeiten und wurde zur Geliebten eines skrupellosen SS-Arztes... Nachdem Staatsanwalt Hoffmann zwanzig Jahre später auf das Buch aufmerksam wird, soll Lea in einem Prozess gegen ihre Peiniger vor Gericht aussagen. Stark traumatisiert und von den Erinnerungen wieder eingeholt, sieht sich Lea dazu jedoch nicht in der Lage. Dennoch üben sowohl Staatsanwaltschaft und Verteidigung großen Druck auf sie aus. In ihrer Angst gefangen, sieht sich Lea schließlich gezwungen, mit den Geschehnissen endgültig abzuschließen... [Zitat: "Zeugin aus der Hölle", erschienen bei universum film]

mit Irene Papas und Daniel Gélin
Heinz Drache, Werner Peters, Alice Treff, Hans Zesch-Ballot, Branco Tatić sowie Jean Claudio
eine deutsch-jugoslawische Gemeinschaftsproduktion der CCC Filmkunst | Avala Film
nach einer Idee von Frieda Filipović
ein Film von Žika Mitrović
Gespeichert

filmfan
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« Antworten #1 am: 28. August 2017, 14:53:30 »

Die erstmalige Sichtung von "Zeugin aus der Hölle", inszeniert vom serbischen Regisseur Žika Mitrović, brachte eine ziemlich große Erwartungshaltung mit sich, und das nicht zuletzt wegen der hier erwähnten, mutmaßlichen Stilverwandtschaft. Rückblickend kann eine solche jedenfalls absolut ausgeschlossen werden, denn ein paar Wallace-Darsteller mit hier ähnlich angelegten Rollen machen lange keinen solchen Film aus, außerdem ist die hier geschilderte Thematik wirklich in einer anderen Kategorie zu finden, da dieses Drama ganz andere Berührungspunkte fordern wird. Der Fall der polnischen Jüdin Lea Weiss wird zwanzig Jahre später wieder aufgerollt und dabei überzeugt die Inszenierung mit einem sehr klaren Aufbau, wenngleich der Eindruck entsteht, dass die Geschichte nicht immer sehr plausibel ist. Der Verlauf zeigt aber mit Hilfe teils eindringlichster Dialoge und überaus erschütternden Bildern, dass zur NS-Zeit das Unwahrscheinlichste offenbar am Wahrscheinlichsten gewesen sein muss. Die schwere Anklage gegen den Krieg und die schrecklichen Machenschaften verdichten sich immer mehr, aber es gibt auch schwere Seitenhiebe in Richtung einer selbstzweckhaften Justiz, die mit verbundenen Augen in ein Hornissennest gestochen hat. Der Film besteht hauptsächlich aus trügerischer Ruhe, doch man ahnt dass die Katastrophe nicht ausbleiben wird. Die dichten Charakterzeichnungen, bizarre Traumsequenzen und verschwommene Rückblenden wissen auf heimtückische Art und Weise zu fesseln und die Besetzung wirkt bei dieser Allianz besonders erstklassig, was hauptsächlich auf die Hauptrollen Irene Papas und Daniel Gélin zutrifft.

Als Film gesehen erweist sich "Zeugin aus der Hölle" trotz der teils eindringlichen Bilder und abstoßender Wendungen zunächst als eher stilles Plädoyer, auch wenn mehrere Seiten immer vehementer auf das Opfer einwirken. Laut wird es schließlich in der Fantasie des Zuschauers und der Verlauf nimmt teils unvermutete Züge an. Man möchte, dass man Lea doch einfach in Ruhe lassen sollte, auch in Situationen die sich immer mehr zuspitzen kommt man beinahe zu dem Schluss, dass man selbst nichts mehr hören und sehen möchte. Doch die unbarmherzige Justiz und die Naivität von Beteiligten, die es ihrer Ansicht nach nur gut meinen, zeigen in einem immer unmissverständlicher werdenden Verlauf, dass die Katastrophe, wie sie denn auch immer aussehen mag, nicht ausbleiben kann. Harte Schwarz/Weiß-Kontraste und stets gut gewählte Musik schüren den Eindruck zusätzlich, auch die Suche nach Dr. Berger, einem Phantom aus der SS-Zeit, sorgt für großes Unbehagen und eine unbequeme Grundspannung. Das Auftauchen schrecklicher Details von Damals nimmt in Gedanken Form an, und die sporadisch hinzu montierten Bilder erinnerten zumindest mich immer wieder daran, warum ich dieses Genre nur hin und wieder frequentiere, denn Film bedeutet für mich in erster Linie Schönheit, und nicht aussichtslose Trostlosigkeit. Dr. Berger taucht immer nur in Leas Träumen auf, bis Hoffman und Pertovic schließlich ein Interview mit ihm sehen. Ungläubig hört man der Selbstgefälligkeit des ehemaligen SS-Offiziers zu, der permanent abwiegelt und herunterspielt, bei Schilderungen die auf Experimente am lebenden Objekt hindeuten, stockt einem der Atem, weil Berger mit ekelhafter Selbstverständlichkeit argumentiert und sich im Endeffekt als Wohltäter hinstellt. Das Finale hält aufgrund des dichten Aufbaus ein schlimmes Déjà-vu bereit, die erschütternde Thematik und eine schraubzwingenartige Dramatik wirken überaus verstörend.

Die Besetzung strahlt im Flair eines internationalen Formats, in welches sich erfreulicherweise auch die deutschen Akteure einreihen. Irene Papas, die darstellerisch und optisch gesehen noch nie zu meinen Favoritinnen zählte, überzeugt gerade wegen ihrer herben Erscheinung und ihrer Zurückhaltung. Zunächst hat sich Lea Weiss stets im Schutzgriff und präsentiert eine Fassade, die sie nach all ihren Erlebnissen aufbauen musste, um weiter existieren zu können. Insbesondere in den Traumsequenzen und in Situationen, in denen sie von der Staatsanwaltschaft bedrängt wird, verliert sie immer mehr die Nerven, und es schießen plötzlich halluzinatorische Tendenzen von Wahn und Hysterie ein, die Abgründe erahnen lassen. Einmal verlangt sie, man solle das Fenster schließen, da sie keine Luft bekomme, was man zunächst nicht verstehen kann. Als sie immer mehr von ihren Erlebnissen preisgibt und schließlich vom schwarzen Rauch spricht, der aus dem Krematorium kommt, wird der Zuschauer gezwungen zu erahnen. Irene Papas wirkt stets präzise und sie versteht es, den Zuschauer mitzureißen, denn sie zeichnet im Endeffekt eine Frau, die das Leben eigentlich einmal sehr geliebt hat. Dabei wird ihr jetziges Dasein noch nicht einmal von Rachegefühlen und Hass dominiert, da alles von schrecklicher Angst überlagert wird. Daniel Gélin spielt Bora Petrovic, den Autor des Buches, welches nach zwei Jahrzehnten die Kettenreaktion auslösen wird. Er ist der ohnmächtig ruhige Pol, der machtlose Puffer zwischen Opfer und Justiz und gerät immer wieder zwischen die Fronten. Jeder Blick von Lea ist wie ein schwerwiegender Vorwurf für ihn, jede Berührung hält ihm vor Augen, dass die alte Liaison noch längst nicht abgeschlossen ist, aber beide lassen keine Spur von Hoffnung durchschimmern. Gélin überzeugt mit seiner wohl dosierten Art, er und Irene Papas kreieren einen doppelten Boden im Zusammenspiel und zeichnen glaubhafte Psychogramme. Von deutscher Seite sieht man mit Werner Peters einen guten alten Bekannten, und er wirkt abermals wie der Wolf, der Kreide gefressen hat. Alice Treff symbolisiert eine der unzähligen Steigbügelhalter der damaligen SS und brilliert erneut durch aufgesetzt-damenhaftes Gehabe das überaus grotesk wirkt, aber vor allem setzt sie wieder erstaunliche Pointen in Wort und Ton. Erstklassig!

Heinz Drache bekommt man sofort zu Beginn als resoluten Vertreter von Recht und Ordnung zu sehen und das Ganze scheint ihm erneut auf den Leib geschneidert zu sein. Generell ist zu sagen, dass Drache angesichts des internationalen Verve keineswegs abfällt, und dass seine Fans hier bestimmt auf ihre Kosten kommen werden, weil er in gewohnter Manier agiert und (s)eine herkömmliche Rolle spielt. Er verleiht Staatsanwalt Hoffmann, und damit der Justiz die perfekte Verkörperung und überzeugt mit hartnäckigem bis rücksichtslosem Vorgehen, denn sein Blick ist in aller Konsequenz zielgerichtet und er möchte einem Schwerverbrecher das Handwerk legen. Einfühlungsvermögen und Kompromissbereitschaft gehören in seinem Metier nicht zur Tagesordnung und fehlen daher beinahe vollkommen. Dass er dabei im Begriff ist, eine Katastrophe auszulösen, erscheint ihm vollkommen untergeordnet zu sein, genau wie es bei Petrovic der Fall ist, jedoch hier auf unterschiedliche Weise. Dann plötzlich fiel im Zusammenspiel mit Alice Treff ein Satz, der mir doch sehr bekannt vorkam: »Wie schön für Sie!«. Natürlich kommt dem aufmerksamen Wallace-Fan eine Querverbindung zu "Der Zinker", wo man ihn in ähnlich aufgeblasener und arroganter Art und Weise sehen konnte. Und genau das ist es, was mich immer wieder zu kritischen Beurteilungen verleiten lässt. Seine Selbstinszenierungen, ob von der Dramaturgie gewollt oder nicht, sind das Non plus ultra für seine Fans, doch bei mir hinterlässt das meistens, und mittlerweile nur noch einen unangenehmen Beigeschmack, und die Frage liegt nahe, ob er im Endeffekt immer nur, oder immer wieder sich selbst interpretierte. Auch hier baut Heinz Drache seine vermeintliche Stärke wieder über die Schwächen anderer, und vorzugsweise über Frauen auf, was in diesem Film wohlgemerkt für die Geschichte essentiell, und von der Regie offenbar gewünscht war. Im Endeffekt sieht man also eine gute Leistung auf Basis eines guten Films, in dem für mich einmal mehr die Frage laut wird, ob sich Heinz Drache nicht doch immer wieder nur gleicher Stilmittel bediente, und aufgrund immer wieder auftauchender Déjà-vu-Gefühle hinsichtlich seines Auftretens glaube ich schließlich, nur ein sehr unflexibles, beziehungsweise begrenztes Repertoire zu sehen.

Die Regie schaffte es sehr eindrucksvoll, allen Seiten der Inszenierung gerecht zu werden und ein Mosaik zusammenzufügen. Klassische und bizarre Veranschaulichungen und Stilmittel leiten einen hohen Transfer zur Vergangenheit und zur Realität ein, die Zeichnung verschiedener Psychogramme ist sehr geglückt, und es kommt zu einem runden, aber auch bedrückenden Gesamtergebnis. Absolut sehenswert! 5 Punkte von 5 Geniale/r Film/Serie
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