Nachdem ich "Blindes Vertrauen" zu Ende gelesen habe (Buch zum Bob-Film) lese ich aktuell "Tod eines Kritikers" von Martin Walser. Mein Verhältnis zu Walser war seit jeher eher zwiespältig. Ich habe den Mann zu seinen Lebzeiten eher gemieden, nicht nur wegen seiner politischen Reden die übers Ziel hinausgeschossen sind - sondern auch weil mir die Frauendarstellungen in seinen Romanen zu klischeehaft waren. Ich mag jedoch seinen Schreibstil, auch wenn die späten Romanen natürlich schon klingen wie aus der Warte eines Dirty Old Man geschrieben.

Auch hier gibt es ein, zwei Szenen wo Frauen wieder zu reinen Lustobjekten stilisiert werden, aber dosierter. Es handelt sich schließlich bei dem toten Kritiker um Marcel Reich-Ranicki. Das ist sowas von offensichtlich! Nicht nur machte sich Walser über dessen polnischen Akzent lustig, der "fiktive Kritiker" trug ebenso Doppelnamen (Ehrl-König), schrieb für die FAZ und selbst die Gestik und Mimik die Ehrl-König hier im Roman zeigt, ist MRR-typisch. Man kann Walser natürlich unterstellen, dass es reine Polemik und Feindseligkeiten sind, wie Reich-Ranicki hier fiktiv dargestellt wird.
Aber wer auch nur eine Folge des literarischen Quartetts mal geschaut hat, weiß dass Reich-Ranicki genau so war. Den Walser hat er teilweise wirklich als schlechten Autor abgetan. Aber deswegen funktionierte die Sendung auch so gut. Reich Ranicki als belehrender, polemischer und unterhaltsamer Moderator; Sigrid Löffler als analytischer, ruhiger und feministischer Ruhepol; und Karasek als geistreicher Freund von Reich-Ranicki, der immer geschlichtet hat, wenn es zu brenzlig wurde.
Deshalb halte ich "Tod eines Kritikers" auch für das beste Buch aus der Feder Walsers. Ich habe etwa 70% des Romans durch und es liest sich wirklich flott. Auch wegen der nicht so üppigen Seitenlänge. Das Walser bei der jüdischen Gemeinde wegen seiner Äußerungen stark kritisiert wurde und Reich-Ranicki selbst jüdischen Glaubens (wenn auch nicht religiös) war, muss trotzdem gesagt werden. Das darf man beim Lesen nicht ausblenden - aber um den Konflikt der beiden Herren besser zu verstehen, hilft der Roman ungemein.
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Als nächstes lese ich dann den ersten Colter Shaw, dann den neuen V.I. Warshawski (auf deutsch) und schließlich müsste dann auch der neue Jesse Stone von Farnsworth erscheinen.
